Wo liegt Burg Schreckenstein?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Unser Forenmitglied Siegfried hat jedoch mal versucht, die Lage der "echten" Burg Schreckenstein zu ermitteln.
Im folgenden findet Ihr das Ergebnis seiner Arbeit.

Gibt es die in Oliver Hassencamps Buchreihe beschriebene "Burg Schreckenstein" wirklich? Die überraschende Antwort ist: Ja, es gibt sie! Oder besser gesagt: in der Gegend, in der die Schreckenstein-Geschichten spielen, gibt es tatsächlich eine ähnliche Schule auf einer Burg, die Vorbild für die Bücher war!

Allerdings heißt diese Burg nicht "Schreckenstein" (wie auf Schloss-Rosenfels zu sehen, führt die Suche danach ins Leere). Daß Oliver Hassencamp diesen Namen gewählt hat, liegt wohl einfach daran, daß sich ein abenteuerlich klingender Titel wie "Die Jungen von Burg Schreckenstein" besser verkaufen läßt als etwa "Die Jungen von Schloß Schönblick".

Auf der spannenden Suche nach dem realen Vorbild für Burg Schreckenstein helfen uns die Bücher und der Lebenslauf des Autors. In den 27 Schreckenstein-Büchern finden wir viele Hinweise zur Lage der Burg. Machen wir es also Heinrich Schlieman nach, der 1870 mit Hilfe von Homers Illias-Epos die Stadt Troja fand. Und lassen wir uns durch Oliver Hassencamps Bücher zur echten "Burg Schreckenstein" führen:

 
1. Hinweis: Die Geschichte der Region
Beginnen wir mit der Suche in einer Zeit, lange bevor die Burg überhaupt gebaut wurde. In der Gegend um Neustadt wurden Funde von Kelten und Römern gemacht und ausgestellt (Band 15). Das Stammland der Kelten umfasste unter anderem ganz Süddeutschland. Das Siedlungsgebiet der Römer in Deutschland ist kleiner, nämlich südlich der Donau, westlich des Rheins und südwestlich des römischen Grenzwalls Limes (etwa entlang der Linie Koblenz - Frankfurt/Main - Heilbronn - Regensburg). Die Burg muß irgendwo in der Schnittmenge zu finden sein (in der Karte gelb).
2. Hinweis: Die Ortsnamen

Auch wenn sämtliche Ortsnamen frei erfunden sind, helfen uns die genannten Orte weiter: Alle Orte der Region - außer Neustadt und Wampoldsreuthe - enden auf ...ingen oder ...ing (Krumpingen, Hizlingen, Hüglingen, Pippling). Ortsnamen mit diesen Endungen weisen auf eine Gründung durch den germanischen Volksstamm der Alamannen hin, deren hauptsächliches Siedlungsgebiet in Südwestdeutschland lag. Damit können wir die Suche weiter eingrenzen auf Baden-Württemberg und die angrenzenden Gebiete (in der Karte grün). Hier finden wir "...ingen"-Namen sehr häufig.

Die anderen Ortsnamen helfen uns dagegen nicht weiter: "Neustadt" gibt es in Deutschland mindestens 30 mal, jedoch nicht im oben beschriebenen Gebiet. Wampoldsreuthe könnte praktisch überall liegen (die Endung "reuthe" bezeichnet einen durch Rodung entstandenen Ort). Ebenso wenig helfen die Orte "Altenburg" (Band 3) und "Römerfeld" (Band 25) weiter, weil Hinweise zu ihrer Lage fehlen.

3. Hinweis: Der Kappellsee

Der See, an dem die Burg liegt, müßte wegen seiner Größe doch bei der Suche hilfreich sein? In den Büchern finden wir verschiedene Angaben zu seiner Größe:

Die Runde auf der Straße um den See fährt Andi mit dem Rennrad in gut 55 Minuten (Band 3). Wenn er auf der Straße mit einigen steilen Anstiegen einen Schnitt von 25 km/h schafft, dann ist sie ungefähr 23 Kilometer lang. Da die Straße nicht direkt am See entlang führt, dürfte der Kappellsee etwa eine Ausdehnung von 3 x 6 km haben.

Einen See dieser Größe gibt es in unserem Gebiet aber nicht. Der Bodensee ist viel zu groß. Forggensee und Schluchsee wären noch am nächsten dran, aber eine passende Burg fehlt.

Offenbar stimmen nicht alle Hinweise aus den Büchern. Sicherlich hat sich Oliver Hassencamp einige künstlerische Freiheiten bei der Gestaltung der näheren Umgebung der Burg genommen, um eine möglichst vielseitige "Bühne" für die Geschichten zu haben. Da könnte er den Kappellsee doch "dazuerfunden" haben?

Übrigens können auch die knapp 5.000 Ruderschläge nicht stimmen, die die Ritter für eine Überquerung brauchen: Bei einer hohen Schlagzahl von 30 Schlägen pro Minute wären sie fast drei Stunden - und damit viel zu lange - unterwegs!

4. Hinweis: Die Italien-Tour von Andi und Dampfwalze

Den wichtigsten Hinweis finden wir in Band 3: Andi und Dampfwalze fahren mit den Rennrädern nach Italien, um für die Schülerzeitung "Wappenschild" über das Radrennen "Giro d´ Italia" zu berichten. Die Fahrtstrecke wird einigermaßen genau beschrieben:

Die Burg liegt "nicht allzu weit von der Grenze entfernt", die beiden fahren über Österreich, und die Schweiz (durchs Engadin) nach Italien zum Stilfser Joch. Zu den Beschreibungen im Buch paßt nur eine Route: Grenzübergang nach Österreich bei Lindau, Weiterfahrt in der Schweiz rheinaufwärts, dann über Klosters und den Flüela-Paß ins Engadin, von dort weiter über den Ofenpaß nach Glurns oder Prad in Italien, an den Fuß des Stilfser Jochs (gelbe Route in der Karte).

Wo sie gestartet sind, können wir dagegen nur abschätzen: Weil sie in der Nacht um kurz nach 3 Uhr aufbrachen und "früh am Morgen" die Grenze überquerten, sind es wohl etwa 3 Stunden Fahrt von der Burg bis zur Grenze (der Giro findet im Mai statt, wenn die Sonne um ca. 5.30 Uhr aufgeht). Die 50-Kilometer-Marke erreichten die beiden schon ein Stück vor der Grenze, mit den Rucksäcken und angesichts der langen Tour lag ihre Geschwindigkeit sicher unter 30 km/h.

Deshalb muß die Burg ca. 60 bis 80 Kilometer Luftlinie vom Grenzübergang Lindau entfernt liegen, also etwa auf dem Radius Stockach - Bad Saulgau - Biberach, maximal bis Memmingen (gelbes Kreissegment in der Karte). Würde die Burg weiter östlich liegen, wäre der Weg nach Italien über Füssen und Österreich (ohne Schweiz) kürzer.

Übrigens: Die Fahrtstrecke von der Burg zum Stilfser Joch beträgt auf dem Hinweg ca. 310 Kilometer, davon waren mindestens 210 am ersten Tag geplant. Auch gut trainiert ist das eine echte Gewalttour. Aber zum Glück hat dann ja ein Lkw-Fahrer die beiden Ritter mitgenommen...

5. Hinweis: Die Lage von Neustadt

 

Von der Burg bis nach "Neustadt" sind es etwa 40 Kilometer. Nicht weit hinter Neustadt liegt der "Grenzwald" (Band 27). Wenn dieser Name kein Zufall ist, dann müßte es etwa 50 Kilometer von der Burg entfernt eine Landes- oder Staatsgrenze geben. Auf unserem Such-Radius trifft das auf den Bereich Stockach/Pfullendorf (schweizer Grenze) und Biberach-Memmingen (bayerische Grenze) zu. Den mittlere Teil unseres Such-Radius (in der Karte weiß) können wir damit ausschließen:

Falls jedoch eine Grenze aus den Zeiten der Kleinstaaterei gemeint sein sollte, hilft uns dieser Hinweis aber natürlich nicht weiter...

6. Hinweis: Das landwirtschaftliche Umfeld

In der Gegend um die Burg gibt es Obstbauern, bei denen die Ritter und Rosenfelserinnen manchmal als Erntehelfer arbeiten (Band 12). Auch Schloß Rosenfels baut Obst in großen Mengen an (Band 6). Intensiver Obstanbau ist zwar auf dem durch Hinweis 3 festgelegten Ziel-Radius nicht zu finden, wohl aber in der benachbarten Bodenseeregion.

Schlußfolgerung: Die Burg sollten wir am ehesten in der Gegend zwischen Stockach und Pfullendorf suchen (in der Karte das links liegende, gelbe Kreissegment).

Jetzt könnten wir eine Karte zur Hand nehmen, uns alle Burgen in dieser Gegend anschauen und überprüfen, ob eine davon als Schauplatz der Geschichten geeignet wäre (mit den unter Hinweis 3 genannten Abstrichen). Und wir würden eine passende Burg auch tatsächlich finden...

Der echte "Schreckenstein"...

Zuerst wollen wir aber noch eine naheliegende Spur verfolgen, die uns direkter zum Ziel führt: Oliver Hassencamp kam mit 12 Jahren ins Internat Schloß Salem, also 1933. Schloß Salem liegt zwar schon beinahe in unserem Zielgebiet, ähnelt aber eher Schloß Rosenfels und kann deshalb nicht Vorbild für die Burg Schreckenstein gewesen sein. Trotzdem führt die Spur ans Ziel: die untersten Klassen (5 bis 7) sind nämlich bereits seit 1931 woanders untergebracht - auf der mittelalterlichen Burg Hohenfels!

Die Burg Hohenfels liegt sieben Kilometer östlich von Stockach und damit genau in dem in den Büchern beschriebenen Gebiet! Alle unsere Hinweise treffen auf Hohenfels zu, auch wenn Zugbrücke, Bergfried und See fehlen (aus den unter Hinweis 3 genannten Gründen).

Obwohl das Internat auf der Burg Hohenfels den "Minnis" vorbehalten bleibt, hat es ganz sicher als Vorbild für Schreckenstein gedient. Es finden sich jede Menge Ähnlichkeiten. Zum Beispiel der fast identische Tagesablauf (mit Dauerlauf, Liege- und Kaffeepause und Arbeitsstunde), die Pflicht zu verschiedenen Diensten, der hohe Stellenwert des Sports oder leerstehende Gewölbekeller (von denen einer früher für eine "Folterkammer"gehalten wurden). Der Schul-Prospekt erwähnt sogar "lustige Schülerstreiche" (aber sicher sind die harmloser als die Streiche der Ritter).

Das Salemer Schulkonzept ist dem "Schreckensteiner Modell" sehr ähnlich. Auch war Salem - wie Schreckenstein - in seinen Anfangsjahren Anfeindungen von außen ausgesetzt: in Zeiten der Prügelstrafe muß eine Schule, die auf Vertrauen, Verantwortung und Selbständigkeit der Schüler baut, schon sehr supekt gewirkt haben...

Sogar der Name "Schreckenstein" findet sich in der Nähe: im 30 km entfernten Immendingen herrschten einige Jahrhunderte lang die Herren von Schreckenstein! Berücksichtigt man all dies (und daß der Bodensee vielleicht doch Anregung für den kleineren Kappellsee gab), dann muß der Schluß lauten:

Das geografische und ideelle Vorbild für Schreckenstein heißt Hohenfels!

Ausflug ins "Schreckensteiner Land"...

Wer den "realen Schreckenstein" besuchen will, der wird leicht enttäuscht sein, denn wegen des Internat-Betriebs ist eine Besichtigung der Burg logischerweise nicht möglich. Zugänglich ist nur das Burg-Museum im ehemaligen Gefängnistrakt (nach Voranmeldung). Die verschiedenen, in Schüler-Projekten erarbeiteten Themenbereiche zeigen die Geschichte der Burg augenzwinkernd und leicht verdaulich, von ihrer Gründung bis hin zur heutigen Nutzung als Internat. Dieses Museum beweist, daß Geschichte sehr wohl auch Spaß machen kann!

Eine bessere Gelegenheit, sich eine Burg genauer anzuschauen, bietet nicht weit entfernt das Alte Schloß Meersburg am Bodensee. Zu besichtigen sind Dagobert-Turm, Rittersaal, Waffenhalle, Folterkammer und vieles mehr, außerdem gibt es einen Ritter-Shop. Auch wer auf einer Burg übernachten will, wird gut 20 Kilometer von Burg Hohenfels entfernt fündig: Im oberen Donautal zwischen Tuttlingen und Sigmaringen liegt die Burg Wildenstein und die ist eine Jugendherberge! In der nächsten Umgebung von Burg Wildenstein gibt es außerdem über 20 Burgen und Burgruinen.

Wer daraus eine ganze "Schreckenstein-Reise" machen will, könnte außerdem auch die folgenden Stationen einbauen: Etwas südlich von Schloß Salem befindet sich der Killenweiher mit einem kleinen Schlößchen - das wirkt fast wie eine Miniaturausgabe des Kappellsees mit Schloß Rosenfels. Einen rechteckigen Grundriß wie Burg Schreckenstein hat Schloß Heiligenberg in Sichtweite von Schloß Salem. Und auf halbem Weg von Hohenfels nach Salem steht, einem Bergfried ähnlich, der Aussichtsturm von Hohenbodman. Den Aufstieg über dessen finstere, steinerne Wendeltreppe solltet Ihr nicht versäumen: Am ersten Stützbalken rechts gibt es einen Lichtschalter, aber mit Taschenlampe macht´s mehr Spaß. Auch, falls Euch jemand einen Streich spielen möchte...

Killenweiler
 

Noch mehr Burgschulen ?
Das Internat auf Hohenfels ist natürlich nicht die einzige Schule auf einer mittelalterlichen Burg. Eine Liste mit Internaten auf Burgen und Schlössern findet Ihr auf den Schloss-Rosenfels-Seiten (daß das wirkliche Leben im Internat anders ausschaut, als in den Büchern, dürfte klar sein). Interessant wäre noch, ob es auch eine normale Schule auf einer Burg gibt. Aber wahrscheinlich ist es da wie im richtigen Leben: in einem Schloß zu wohnen, kann sich ein normaler Mensch nicht leisten...

© Siegfried Leinfelder, Lindau 21.12.02. / Home

P.S. Ihr dürft diesen Text natürlich (komplett oder auszugsweise) frei weiter verwenden, aber bitte nur korrekt zitiert und mit Quellenangabe.
Das will ich hiermit tun, Quelle: http://home.allgaeu.org/sleinfel/schreckenstein

Ich möchte mich auch ausdrücklich nochmal bei Siegfried für die Genehmigung bedanken, seine Arbeit an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen.

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